Deutscher Gewerkschaftsbund

04.09.2014

Volkshaus und Heinrich-Heine-Denkmal

Mit dem Leipziger Volkshaus, 1905/06 erbaut, setzte sich Leipzigs 4. Stand zum ersten Male in eigener Regie und von eigenen Groschen mit einem kräftigen Bau unübersehbar in das Leipziger Stadtbild. Ein Haus der "Aufklärung und der Ermunterung auch eine Stätte der Geselligkeit und Erholung" sollte es sein.

Gebaut nach dem Entwurf von Oskar Schade, Angelehnt an romanischen Baustil wurde die Fassade mit Elbsandstein der Cottaer und Postaer gegen verblendet, der Sockel mit Beuchaer Granit gestaltet, das Dach mit dunkel glasierten Biberschwänzen gedeckt, der obere Teil des 36m hohen Turmes für Aussichtszwecke erhielt Kupfer. Das Haus wurde Mittelpunkt gewerkschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens.

Beschuss und Brandstiftung von Zeitfreiwilligen der Reichswehr setzten das Haus 1920 während des Kapp-Putsches in Flammen. Mit verändertem Gesicht wurde es wieder aufgebaut. Solidarische Hilfe kam aus dem In- und Ausland.

Am 9. März 1933 erlebete das Haus Gewalt von SA und SS, am 2. Mai wurden die Bewohner verhaftet, das Haus wurde enteignet, die Deutsche Arbeitsfront wurde Hausherr. Wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges war es nach einem Luftangriff eine Ruine, Der Wiederaufbau als Volkshaus in schwerer Nachkriegszeit in verienfachter Fassadengestaltung ist bis heute erhalten. 1951 verlor es zum 2. Male seinen Namen, wurde Ernst-Thälmann-Haus, seine Geschichte wurde umgeschrieben. Der Geburtsname wurde ihm 1990 zurückgegeben. Der DGB erwarb das Haus 1994 von der Treuhand, restaurierte es nicht immer mit der gebotenen Sorgfalt, verkaufte es 2006 gegen den energischen Widerstand der Gewerkschaftsmitglieder und von Freunden des Hauses in Deutschland an einen spekulativen Hedgefonds. Seit 2009 ist das Volkshaus wieder in Gewerkschaftshand. Auf dem Volkshaus-Geschichtsboden wird die Hausgeschichte dokumentiert.

Roter Granit ist das Material des Heinrich-Heine-Denkmals, das heute im Volkshausgarten hinter einem Zaun und versteckt unter hohen Kastanien steht. Warum kam es erst 1996 unter Denkmalschutz, warum kannte es kaum ein Leipziger, wo es doch schon 1947 enthüllt wurde?

In einem geheimen Observationsbericht des gesperrten Aktenbestandes "Volkshauskreis" wurde der Heinrich-Heine-Denkstein 1991 wuederentdeckt. Dort als Büste vermerkt, führte das zu jahrelanger Suche. Stifter war der Leipziger Metallarbeiter, Gewerkschaftsvorsitzender bis 1933 und von den Nazis ins KZ Buchenwald verschleppte Erich Schilling (1882-1962), der sich seit 1945 für demokratische Gewerkschaften und den Wiederaufbau des Volkshauses einsetzte. Als Stiftung eines angeblichen amerkanischen Agenten wurde der Denkstein zeitweilig verplankt, sollte seine Geschichte für immer vergessen werden. Erich Schilling wurde 1953 zur Flucht getrieben, wurde in Westberlin Leiter des Berliner Büros des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften.

Seine Worte am 13. Dezember 1947: Der schlichte Stein kündet das große Vermächtnis, dass die schaffenden Menschen durch die Geschichte erhielten: "Der Vortrupp wahrer Menschlichkeit zu sein, sich frei zu machen von Rassen- und Nationalhass, frei zu werden von wirtschaftlicher Not, ohne geistige Grenzpfähle, für die ewigen Menschenrechte zu kämpfen..."

Vom Stifter erfahren wir später: " Der Stein ist roter schwedischer Granit und stammt von dem abgebrochenen Siegesdenkmal, das auf dem Leipziger Markt stand."

Dem Krieg 1870/71 geweiht, hatte es den 2. Weltkrieg unversehrt überlebt, 1945 stand es inmitten eines Trümmerfeldes auf dem Markt. Es war während zweier Weltkriege immer wieder Ort der Präsentation erbeuteter Waffen und von Inszenierungen. Vom mehrstufigen Sockel aus rotem und grünem Granit wurde ein roter Granitblock im Hungerwinter 1947 zur schlichten Stele inmitten der Trümmer des Volkshauses und der Bombentrichter im Volkshausgarten. Was wäre wohl Heinrich Heine dazu eingefallen? (Monika Kirst)


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

"Trotz alledem!" Das Volkshaus Leipzig und seine Geschichte.

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