Deutscher Gewerkschaftsbund

Regionale Gewerkschaftsgeschichte

08.03.2008
Vor 75 Jahren

Nazi-Überfall auf das Leipziger Volkshaus am 9. März 1933

von Dr. Monika Kirst


"Sie stürmten das Gebäude..."

Am 9. März 1933 stürmt und besetzt die SA das Leipziger Volkshaus, verwüstet und plündert es. Tagelang brennt im Volkshaushof der Scheiterhaufen. Bücher und Inventar werden gestohlen, Tresore werden aufgeschweißt. Der Überfall war nicht der erste Angriff auf das Haus. Schon einmal, im Jahre 1920, hatten sich Rechtsradikale das Volkshaus als Ziel genommen. Damals wurde es durch Beschuss und Brandstiftung total zerstört, wurden Volkshaus-Angestellte durch die Zeitzer Straße bis in die Kohlenkeller des Neuen Rathauses getrieben.

"Sie müssen damit rechnen, dass in Kürze Abteilungen der SA das Haus besetzen und durchsuchen. Vielleicht hissen sie auch eine Hakenkreuzfahne. Sorgen Sie bitte, dass kein Widerstand geleistet wird", teilte ein Polizeioffizier dem Vorsitzenden der Leipziger Gewerkschaften Erich Schilling mit, der jenen 9. März 1933 im Volkshaus erlebte. Er verfasste einen detaillierten Bericht über die Ereignisse. Dieser wird von Angehörigen in Mannheim und Heidelberg aufbewahrt und kommt erst nach der Wende zurück nach Leipzig.

"Mit Musik zogen die braunen Horden unter dem Schutz der Polizei in den Hof des Volkshauses ein", erinnert sich Schilling. "Sie stürmten in das Gebäude, trieben die Angestellten heraus, schlugen Türen ein, stürzten auf den Turm, um eine Hakenkreuzfahne herauszuhängen". Doch kurz zuvor hatten Hausangehörige die Fahnenstange abmontiert und angesägt. "Es dauerte lange, bis das Fahnentuch etwas armselig herabhing". Es habe Bereitschaft zum Widerstand gegen die Besetzung gegeben. "Doch die Verantwortung vor nutzlosen Opfern war stärker, wenn auch sehr bitter".

Als Erich Schilling schließlich Anfang April, "durch zwei Kriminalbeamte betreut", in das Haus durfte, habe es fürchterlich ausgesehen. "Alle Behältnisse waren erbrochen, der Inhalt auf dem Fußboden zerstreut, Geldschränke aufgeschweißt, sinnlose Zerstörungen und mutwillige Beschädigungen aller Art. Schreibmaschinen und Rechenmaschinen waren gestohlen." Während der Besetzung durch die SA seien "tagelang Akten und Schriftstücke durch die Fenster auf den Hof geworfen und im Volkshausgarten verbrannt" worden. Die Feuerwehr habe schließlich die Einstellung dieser Vernichtung verlangt, "da umliegende Privathäuser gefährdet waren."


"Seht den Bonzenpalast"

Kurze Zeit nach dem Nazisturm auf das Volkshaus wird am 18. März 1933 in der "Leipziger Tageszeitung" von der SA zur Führung durch das Volkshaus eingeladen: "Seht den Bonzenpalast". Preis 0,30 Mark. Zwei Tage später wird berichtet, dass fünf- bis sechstausend Leipziger die Gelegenheit wahrgenommen hätten, "um einmal die Hochburg der Leipziger SPD in Augenschein zu nehmen", "Komfort und Pracht" der Führer einer Arbeiterpartei. Die erste Etage war zur Besichtigung freigegeben. Die Gerüchte über Zerstörungen seien "böswillig und haltlos". Der Enkel des damaligen Geschäftsführers des Volkshauses Karl Wicklein weiß von den Inszenierungen im Haus, die den Führungen vorausgingen. Eine "Chaiselongue" habe man in die Besichtigungsetage, das 1. Geschoss des Metallarbeiterverbandes, geschleppt und Aktzeichnungen an die Wände gehängt. Das "Sündenbett" stamme aus der Wohnung seiner Großeltern, der Familie Wicklein, die in der obersten Etage des Volkshauses wohnte. Die angebliche Pornografie waren Akt-Zeichnungen des Wicklein-Sohnes, der Kunststudent in Dresden war. Andere Einrichtungsgegenstände der Familie waren für die Inszenierung nutzlos. Sie wurden aus der 5. Etage auf den Volkshaushof geworfen und verbrannt. Auch nach dem SA-Sturm auf das Dresdener Volkshaus am 8. März 1933 wurden dort nach dem gleichen Drehbuch für Besichtigungen, Arbeitsräume mit "Chaisolongues" und pornografischen Abbildungen dekoriert. "Gewerkschafter wurden für vogelfrei erklärt", schrieb die "Sächsische Gewerkschaftszeitung" vom 15. März 1933.

Dr. Monika Kirst, KWI e.V. Volkshaus-Geschichtsboden


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