Deutscher Gewerkschaftsbund

Regionale Gewerkschaftsgeschichte

16.04.2008

2. Mai 1933 - Besetzung des Leipziger Volkshauses durch die Nazis

von Dr. Monika Kirst

In Deutschland werden am 2. Mai 1933 zwischen 10 und 11 Uhr sämtliche Volks- und Gewerkschaftshäuser besetzt und Vertrauensmänner der NSDAP kommissarische Leiter. Laut Polizeiakten werden 24 führende Leipziger Gewerkschafter an diesem Tag durch Polizeioberst Hörseljau verhaftet. Der Leipziger ADGB-Vorsitzende Erich Schilling stellte sich am folgenden Tage selbst. Das gewerkschaftliche Eigentum wird beschlagnahmt. Die Deutsche Arbeitsfront wird Hausherr. Das Volkshaus verliert wie die Zeitzer Straße den Namen, wird zum „Haus Vaterland" in der Adolf-Hitler-Straße.

„Den neuen Herren wurden die im Volkshaus herumlungernden SA-Leute lästig. Sie bauten diesen ´Schutz´ ab und die ´Eroberer´ des Hauses mußten abziehen. Verärgert über das Ende ihrer schönen Tage schrieben sie an eine Wand: Bonzen gingen, Bonzen kamen. Amen.", notiert Erich Schilling.

„Trotz alledem" stand seit dem Wiederaufbau 1923 an der Vorderfront des Volkshauses als Antwort auf die Zerstörung durch Rechtsradikale des Zeitfreiwilligenregiments der Reichswehr 1920 im Kapp-Putsch. Der Spruch wird von den Nazis herausgemeißelt. Statt dessen verkündet nun ein riesiges Spruchband unter dem Turm: „Deutschland soll leben und wenn wir sterben müssen".

Auch die große Volkshausbibliothek wird von den Nazis geschleift, es gibt sie seit 1933 nicht mehr. Ihr Schicksal ist bis heute nicht genau aufgeklärt. Nur wenige Bücher haben überlebt. Sicher ist, dass ehrenamtliche Mitarbeiter der Bibliothek versuchten, Bücher in Sicherheit zu bringen. Das belegen Berichte von Haussuchungen. Es gibt aber bis heute keinen Nachweis, dass die Bestände am 9. März oder Anfang Mai öffentlich verbrannt wurden. Stempel des Lokalrichters in einzelnen Büchern, die überlebten, sprechen ihre eigene Sprache. Die Nazis haben Bücher nicht nur verramscht, geklaut, vernichtet, sondern alles, was sich zu Geld machen ließ, verhökert und versteigert.

Der erste Weg führt Erich Schilling nach jahrelanger Haft im Konzentrationslager Buchenwald am 18. Mai 1945 - noch in Häftlingskleidung - zum von Bomben zerstörten Volkshaus. Zusammen mit Freunden gibt es nur ein Ziel: Wir bauen es wieder auf.

Die Zerstörung des Volkshauses 1920 durch Rechtsradikale und die „Eroberung" des Volkshauses 1933 durch die Nazis mahnen. Das Volkshaus Leipzig ist ein sensibler historischer Erfahrungsort.

Dr. Monika Kirst


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