Deutscher Gewerkschaftsbund

Regionale Gewerkschaftsgeschichte

16.08.2010
Gründung der "Deutschen Einheitsgewerkschaft" im August 1945

Vor 65 Jahren - Hoffnung für kurze Zeit

von Dr. Monika Kirst
Erich Schilling

Erich Schilling Repro KWI e.V. Volkshaus-Geschichtsboden

19. August 1945: Über 1000 Vertrauensleute, in Betriebsversammlungen gewählt, kommen an diesem Tag zum Filmtheater Capitol im Messehaus Petershof in der Petersstraße und gründen an diesem Tag die "Deutsche Einheitsgewerkschaft" im Bezirk Leipzig. Trümmerbahnen fahren wenige Meter entfernt, in jenen Tagen ist die Nahrung rationiert, nur einzelne Abschnitte der Lebensmittelkarten werden aufgerufen. Typhus grassiert, Flüchtlinge müssen versorgt werden. Hamsterfahrten und Plünderungen gibt's allerorten. Grünflächen werden als Grabeland zur Versorgung vorbereitet. Die Russische Militärregierung gestattet Gewandhausorchester, Bühnen und Chören, Bücherhallen und Sportvereinen, nach politischer Überprüfung ins öffentliche Leben zurückzukehren. Gottesdienste und das Läuten der Kirchenglocken werden erlaubt.

Vorausgegangen waren zum Teil heftige Auseinandersetzungen in Betriebsversammlungen über den Weg zur gewerkschaftlichen Einheit und deren Inhalt. Leipzigs Straßenbahner und Busfahrer beispielsweise "geloben alles aufzubieten, um ihrer alten freigewerkschaftlichen Tradition der Einheit zum Siege zu verhelfen." Kurt Kühn fordert als Gast vom vorbereitenden Ausschuss, die "Einheitsgewerkschaft auf einer neuen revolutionären Grundlage aufzubauen". Sein Auftritt wurde im Protokoll als "unvorhergesehene Störung" vermerkt. Doch der aufrichtige Wille der Basis zur gewerkschaftlichen Einheit ist stark. Das sind die Mitglieder der freien Gewerkschaften, der revolutionären Gewerkschaftsopposition, der christlichen Gewerkschaften und der Hirsch-Dunkerschen Gewerkschaften.

Im Capitol, das den Krieg überlebt hat, erklingt an jenem 19. August 1945 zur Gründungsfeier die Kino-Orgel, an deren Klang sich viele Leipziger gewiss noch bis heute erinnern. Hans Strohbach spielt Fugen von Johann Pachelbel, Chormitglieder der von den Nazis verbotenen und enteigneten Didamschen Chöre singen, dirigiert von Otto Didam, "Empor zum Licht" von G. A. Uthmann. Peter Lühr spricht Verse von F. Freiligrath. Dann tritt als erster Erich Schilling an das Rednerpult. Was mag in diesen Minuten in ihm vorgehen? Erst seit dem 18. Mai 1945 ist er wieder in seiner Heimatstadt, befreit aus dem KZ Buchenwald, von 1919 bis 1933 Vorsitzender der Leipziger Gewerkschaften. In seinem Gedächtnis die Zerstörung des Volkshauses 1920, der Wiederaufbau, die Erstürmung und Verwüstung durch SA und SS am 9. März 1933, Missbrauch des Volkshauses als "Haus Vaterland" durch die Nazis, die Zerstörung der freien Gewerkschaften, Verfolgung, Verschleppung …

Am Tag, als Buchenwald für ihn ein Ende hat, führt sein erster Weg in das von Bomben schwer getroffene und ausgebrannte Volkshaus. Dieser Tag ist nicht nur ein inneres Erinnerungsbild. Es gibt ein Foto von diesem 18. Mai 1945. Darauf ist Erich Schilling zu erkennen, noch in der Häftlingsjacke mit Häftlingsnummer, zusammen mit Gewerkschaftern in den Trümmern des Festsaales im Volkshausgarten. Im Ergebnis der ersten freien und demokratischen Wahlen wird Erich Schilling als Vorsitzender der Gewerkschaften in Leipzig gewählt. Kurt Kühn, ehemals RGO (revolutionäre Gewerkschaftsopposition) und Paul Nowak (ehemals christliche Gewerkschaften) werden Stellvertreter.


In der Chronik zur Geschichte der Bezirksorganisation Leipzig, 1988 erschienen, fehlt das folgende Datum: Es ist der 15. November 1945. Ein viertel Jahr nach den ersten freien Wahlen wird Erich Schilling auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) abgesetzt. Er habe Befehle der sowjetischen Militärverwaltung nicht erfüllt, teilt Oberleutnant Krylenko mit. Es war nie zu erfahren, von welcher Art diese gewesen sein könnten. Kurz nach der Enthüllung des Heinrich-Heine-Denksteins im Volkshausgarten am 13. Dezember 1947 - der Stifter ist Erich Schilling - wird Schilling das erste Mal vom sowjetischen Geheimdienst als angeblicher "amerikanischer Agent" verhaftet. Die Verfolgungen gehen weiter, sie gehen ans Leben. Er hofft auf ein besseres Deutschland und bleibt hier. 1953 muss er flüchten und arbeitet bis zu seinem Tode 1962 im Westberliner Exil als Leiter des Berliner Büros des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften. Sein Sohn wird in Leipzig in Sippenhaft genommen und in Torgau inhaftiert, der Enkel bei der Einberufung zur NVA "erinnert", welch "Verbrecher" sein Großvater gewesen sei.

Doch nicht nur die Fotos vom 18. Mai 1945, auch die Ansprache Erich Schillings von der Gründungsfeier 1945, kommen nach 1989 nach eipzig zurück, gehütet und aufbewahrt von Familienangehörigen und Freunden. Welche Gedanken der Ansprache Schillings zur Gründungsfeier wurden verdrängt und vergraben, so wie es auch der Geschichte des Heinrich-Heine-Denksteins erging?

"Es ist der Unstern der deutschen Gewerkschaftsbewegung gewesen, dass alle Gewerkschaften im Schatten von politischen Parteien entstanden sind. Heute soll die alte Erkenntnis Wirklichkeit werden, daß eine Gewerkschaft parteipolitisch neutral sein muß. Unpolitisch wird deshalb die Gewerkschaft nicht sein. Dazu haben die Gewerkschaften zuviel Interesse, ihre Forderungen bei der Staatsverwaltung zu vertreten. Große soziale Gebilde haben auch ein politisches Eigengewicht. Aber niemals darf Parteipolitik die Einheit der Gewerkschaften zermürben. Die Neutralität gilt auch für die Religion und in der Stellung zur Rassenfrage. Auch hier muß die Gewerkschaft frei von Bindungen sein und sich zu den Grundsätzen des Weltgewerkschaftsbundes bekennen." (Erich Schilling)

"Der deutsche Arbeiter muß lernen", so Erich Schilling weiter "daß nicht jeder Andersdenkende ein verruchter Bösewicht ist. Achtung vor der aufrichtigen Überzeugung eines Arbeitskameraden ist die erste Voraussetzung einer Einheitsorganisation." Erich Schilling fordert: "Die Gewerkschaft muss demokratisch sein und dem Willen der Mitglieder entsprechen. Die Demokratie bedeutet den Tod der Nazi-Methoden: Befehle von oben und bürokratische Bevormundung … Vor allem gilt den Gewerkschaften das Schaffen eines Rechtsstaates, damit die Menschen nicht der Willkür einer Verwaltungsjustiz ausgeliefert sind." Der Faschismus habe die Rechte des Staatsbürgers zerschlagen.

Schillings Haltung, sein freisinniger Geist, nicht in Parteischranken denkend, für unabhängige freie Gewerkschaften streitend, stört. Im Exil schreibt Erich Schilling: "Die Geschichte des Leipziger Volkshauses ist noch nicht zu Ende. Einst wird die deutsche Gewerkschaftsbewegung hier wieder eine Heimstatt haben."

In der Wendezeit, im Mai 1990 geben Leipziger Gewerkschafter/-innen des Sprecherrates der Einzelgewerkschaften dem Haus den angestammten Namen "Volkshaus" zurück als Chance für Rückbesinnung und Neubeginn. 1994 erwirbt der DGB das Haus von der Treuhand. Das Leipziger Volkshaus ist seit 2009 wieder in Gewerkschaftshand, nach dem es für drei Jahre, wie eine gewöhnliche Immobilie, ins Portfolio eines Hedgefonds "geriet", gegen den Willen und den energischen Widerstand der Gewerkschaftsmitglieder, an ihrer Seite die führenden Gewerkschafter von Leipzig und Sachsen, Bernd Günther und Hanjo Lucassen.

Seit 2007 gibt es den Erich Schilling-Saal im Volkshaus als Mahnung und Erinnerung an die Gründungsgeschichte freier Gewerkschaften in Leipzig.

Dr. Monika Kirst, KWI e.V. Volkshaus-Geschichtsboden, August 2010 


In der Publikation "Volkshausgeschichte - Lebensgeschichten", herausgegeben vom KWI Volkshaus Geschichtsboden, berichtet Monika Kirst über ihre Suche nach verdrängter und verschwiegener Geschichte um Erich Schilling. Erstmals ist die bisher als nicht überliefert geltende Rede Erich Schillings vom 19. August 1945 zur Gründung der Gewerkschaften zu lesen.


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