Deutscher Gewerkschaftsbund

16.08.2010

Im Herzen immer ein Leipziger - Vor 125 Jahren wurde Erich Schilling geboren

Leipzig verdankt ihm das Heinrich-Heine-Denkmal und den zweimaligen Wiederaufbau des Leipziger Volkshauses.

von Dr. Monika Kirst
Erich Schilling

Erich Schilling Repro KWI e.V. Volkshaus-Geschichtsboden

Winter 1947: In Leipzig wird gehungert, gefroren und noch immer enttrümmert. Da bekommt die Stadt am 13. Dezember einen Denkstein für den von den Nazis verfemten Dichter Heinrich Heine. Das Material ist knapp. Roter schwedischer Granit vom Fuß des abgebrochenen Siegesdenkmals auf dem alten Markt wird besorgt. Gemeißelt hat ihn Steinsetzmeister Amo Scheunert. Der Bildhauer Wilhelm Andreas, Stadtbaurat Walther Beyer und der Architekt Franz Herbst halfen mit Ideen und Entwurf. Der Denkstein - ein Symbol für die Hoffnung auf ein Deutschland ohne Krieg und Faschismus - „sich frei zu machen von Rassen- und Nationalhass, frei zu werden von wirtschaftlicher Not, ohne geistige Grenzpfähle, für die ewigen Menschenrechte zu kämpfen", so die Worte des Stifters, des Leipzigers Erich Schilling, an diesem Tag im Volkshausgarten.

Geboren am 16. August 1882 in Leipzig, gelernter Bauschlosser, Jahre der Wanderschaft, dann Metallarbeiter in Leipzig. 1913 -1919 ist Erich Schilling Geschäftsführer des Metallarbeiterverbandes Leipzig. Schon vor dem ersten Weltkrieg wird im Volkshausgarten der Gedanke geboren, Heine zu ehren. Es sind junge Arbeiter eines Bildungskurses im Volkshaus, Erich Schilling dabei. Doch die Wirren der Zeit verhindern das Vorhaben. Im 1. Weltkrieg 1918, in Deutschland ist Revolution, die Soldaten des Krieges müde, wird er noch an der Front in den Großen Soldatenrat in Kiew' gewählt.

„Schilling - beweglich, brünett, mit energischen Zügen und von brauner Gesichtsfarbe. Er ist der Ideologe des hiesigen Rates, der Redakteur des Mitteilungsblattes und der Vorsitzende des Propagandaausschusses, von Beruf Metallarbeiter, jetzt Kraftfahrer. Auch ist er sachlich, spart mit Worten, spricht einfach, aber lebendig mit energischen Gesten. Er antwortet treffend, gewandt, mit dem Eifer des an Versammlungen gewöhnten Redners. Was für eine Belesenheit, was für eine Vertrautheit mit dem Gebrauch der Literatur zeigt dieser deutsche Arbeiter – ein überzeugter Sozialist". So die Zeitung Kiewskaja Mysl" Nr. 25 vom 27.11.1918 über eine Versammlung der Soldaten.

1919 zum Vorsitzenden des Leipziger Gewerkschaftskartells des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) gewählt, gibt Erich Schilling alle seine Kraft für den Wiederaufbau des 1920 im Kapp-Putsch zerstörten Volkshauses. Er zeichnet verantwortlich für die Zeitungen Leipziger Betriebsrat« und „Mitteilungen des Leipziger Gewerkschaftskartells“, beide heute Fundgruben zur Sozialgeschichte Leipzigs. Er gehört zu den Rednern der Protest-Kundgebung auf Leipzigs Augustusplatz gegen den Mord an Walther Rathenau durch Rechtsradikale im Jahre 1922. Im Dezember 1928 verliert er seine Ehefrau bei einem tragischen Verkehrsunfall. Martha Schilling, geb. Nebel war Leipziger Stadtverordnete und Abgeordnete des Sächsischen Landtages.

Als Augenzeuge erlebt Erich Schilling den Überfall der SA auf das Volkshaus am 9. März 1933. Bemühungen von Gewerkschaftskollegen, ihn nach Dänemark in Sicherheit zu bringen, lehnt er ab. 1933 wird er verhaftet, lebt zeitweise auch in der Illegalität in Deutschland. Wie viel Mut gehört dazu, unter den Augen der Gestapo am 10. September 1935 auf dem Leipziger Südfriedhof die Gedächtnisrede für den Freund und führenden Leipziger Sozialdemokraten Hermann Liebmann zu halten, der nach den Folterungen im KZ Hohenstein verstorben war.

Am 1. September 1939 verschleppen die Nazis Erich Schilling ins KZ Buchenwald. Man hält ihm auch die Trauerrede für Hermann Liebmann vor. Er ist Mitverfasser des „Buchenwalder Manifests“. Und er gibt den Plan der Heine-Ehrung nicht auf. „In vielen leeren Stunden, in einem Wald, dem grünende Buchen ihren Namen gaben, blieb er am Leben als eine der Aufgaben, die noch zu erfüllen waren,“ erinnert er am Tag der Enthüllung des Denksteines.

Am 18. Mai 1945 steht er ungebrochen mit Freunden aus der Zeit vor 1933 im Volkshausgarten, noch in Häftlings-Kleidung mit Häftlingsnummer, umgeben von Trümmern. „Wir bauen wieder auf! Trotz alledem!“

Am 19. August 1945 wird er der erste frei gewählte Gewerkschaftsvorsitzende in Leipzig. Bei der Gründungsfeier der Deutschen Einheitsgewerkschaft am Sonntag, dem 19. August 1945 im Capitol fordert er die parteipolitische Unabhängigkeit der Gewerkschaft:

„Heute soll die alte Erkenntnis fruchtbare Wirklichkeit werden, dass eine Gewerkschaft parteipolitisch neutral sein muss. Unpolitisch wird deshalb die Gewerkschaft nicht sein. Dazu haben die Gewerkschaften zuviel Interesse, ihre Forderungen bei der Staatsverwaltung zu vertreten. Große soziale Gebilde haben auch ein politisches Eigengewicht. Aber niemals darf Parteipolitik die Einheit der Gewerkschaft zermürben. Darüber muss der deutsche Arbeiter wachen. 'Neutralität' das gehört zu den 'Grundsätzen des Weltgewerkschaftsbundes'(...) Die Gewerkschaft muss demokratisch sein und dem Willen der Mitglieder entsprechen(...) Aber vor allem gilt den Gewerkschaft das Schaffen eines Rechtsstaates, damit die Menschen nicht der Willkür einer Verwaltungsjustiz ausgeliefert sind."

Sein freisinniger Geist, nicht in Parteischranken denkend, stört auch die neuen Machthaber. Am 15. November 1945 wird er auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) abgesetzt. Doch er kämpft weiter beharrlich für sein Vorhaben, Heinrich Heine mit einem Denkmal zu dessen 150. Geburtstag zu ehren. Es gelingt: Am 13. Dezember 1947 stiftet er den Heinrich-Heine-Denkstein von seinen Ersparnissen. Schilling schickt einen Bericht über die Leipziger Heine-Ehrung von 1947 an drei Westberliner Zeitungen – „Tagesspiegel“, „Telegraph" und den „Sozialdemokrat“. Später erklärt er zu seinen Beweggründen: „In einer Zeit politischer Zerrissenheit Deutschlands einen Appell an das gesamtdeutsche Kulturbewusstsein zu richten, damit der Gedanke des neutralen deutschen Einheitsstaates nicht weiter verblasst, versuchte ich, den Bericht über die Heine-Ehrung in den Westzeitungen unterzubringen.“ Ende 1948 erfolgt auch die Absetzung von der Funktion des Treuhänders für ehemaliges Gewerkschaftsvermögen, im November wird er als angeblicher amerikanischer Agent vom sowjetischen Sicherheitsdienst verhaftet. Nach seiner Entlassung am 31. Dezember 1948 bleibt Schilling trotz alledem in seiner Geburtsstadt, hofft auf ein besseres Deutschland. Doch 1953 bleibt keine andere Wahl: Schilling muss unter Lebensgefahr nach West-Berlin flüchten. Bücher seiner Bibliothek, auch das Federbett werden von einer Bekannten per Post von verschiedenen Orten aus nachgeschickt. Erich Schilling wird nach seiner erzwungenen Flucht Leiter des Berliner Büros des Internationalen Gewerkschaftsbundes. Bis zu seinem Tode am 1. März 1962 arbeitet der fast 80jährige in der internationalen Gewerkschaftsbewegung und veröffentlicht Artikel zur Leipzig - Geschichte. Später wird er im Grabe seines Sohnes in Ludwigshafen beigesetzt. Auf dem Grabstein steht in großen Buchstaben: „Erich Schilling geboren in LEIPZIG.“ Dr. Monika Kirst, KWI e.V. Volkshaus-Geschichtsboden


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

"Trotz alledem!" Das Volkshaus Leipzig und seine Geschichte.

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